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Machs wie…

Anna Seghers

„Was jetzt geschieht, geschieht uns.“

Wir erinnern und ehren in diesem Jahr Anna Seghers, Schriftstellerin und Kommunistin, die in diesem Jahr 125 Jahre alt geworden wäre.

Im Juli 1950 stellt sie an ihre Kolleginnen und Kollegen die Frage:
„Wie kann unsere Jugend verstehen lernen, dass ein Gesellschaftssystem, das auf Ausbeutung statt auf freier Arbeit errichtet ist, die Kriegsdrohung in sich birgt?“ Sie weist damit, kurz nach dem Ende des Faschismus, auf die drohende Kriegsgefahr hin, die dem Kapitalismus innewohnt. Gleichzeitig wird das Bestreben ihres Schreibens deutlich: „Wir beschreiben das fade Licht der Glühbirnen nicht, um einen malerischen Eindruck hervorzurufen, sondern weil sich auch in diesen Glühbirnen wie in jedem Gegenstand die Klassenlage seines Gebrauchers zeigt.“ (aus ‚Kleiner Bericht aus meiner Werkstatt‘)

Anna Seghers, geboren als Netti Reiling, kam am 19. November 1900 in Mainz zur Welt. Aufgewachsen in einer Zeit, in der Frauen sich demütig und still ihrem Schicksal fügen und politische Geschehnisse den Männern überlassen sollten, ging Anna Seghers einen anderen Weg: Sie wollte ihre Zeit mitgestalten und brachte sich mit Mut und Kraft ins politische Geschehen ein.

Während des Faschismus musste Anna Seghers aus Deutschland flüchten – zunächst über die Schweiz nach Paris, 1940 auf riskante Weise nach Marseille. 1941 gelang der Familie schließlich die Flucht nach Mexiko.

1947 kehrte Anna Seghers nach Berlin zurück und lebte bis zu ihrem Tod 1983 in der DDR. Als politisch engagierte Schriftstellerin und Kommunistin, als Antifaschistin und Kriegsgegnerin bezog sie zeitlebens konsequent Stellung gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit, gegen Faschismus und Krieg. Beharrlich warnte sie schon früh vor dem Erstarken der Nationalsozialisten, klärte in ihren Schriften, Aufrufen und Romanen auf und ermutigte zum Widerstand (u.a. in ‚Der Kopflohn‘, ‚Das Siebte Kreuz‘ und ‚Transit‘).  Beeindruckend sind neben den Romaninhalten (das Erstarken und Grauen des Faschismus und dem Widerstand dagegen) auch die Frauenfiguren in ihren Texten. Sie erzählen „vom Hunger auf Leben (…), vom Mut, menschlich zu sein und sich selbst treu zu bleiben.“ Es sind Frauengeschichten aus dem Alltag, unspektakuläre, gewöhnliche Lebensgeschichten, aber „in der Kraft der Schwachen bewahren die Frauen ihre Würde, wenn sie zerrieben werden vom politischen Terror ihrer Zeit.“ (aus „Die Trennung. Geschichten über Frauen“)

Ihr Bestreben war es, in ihren Werken hinter der Verzweiflung die Möglichkeit und hinter dem Untergang den Ausweg spürbar zu machen. So ist sie ein Vorbild für alle, zuversichtlich und mit Klassenbewusstsein ins Leben zu gehen und für den Sozialismus zu kämpfen.

Machs wie Alex

„Ohne Gleichberechtigung der Frau, kein Kommunismus“

 

Einleitung

Revolutionärin, Frauenrechtlerin und die erste Frau in einem Ministeramt weltweit: das war Alexandra Kollontai. Im März 1872 wurde sie in St. Petersburg geboren und ist als Tochter einer wohlhabenden Familie aufgewachsen. Ihre Hauslehrerin machte sie früh auf soziale Unterschiede in ihrem mittelbaren Umfeld aufmerksam. Ihre vehementen Forderungen für die politische, rechtliche, ökonomische und sexuelle Befreiung der Frau prägen bis heute die Erinnerung an sie. Doch ihr politisches Wirken greift noch weiter. So war Kollontai 1917/18 als erste weibliche Ministerin in Lenins revolutionärem Kabinett aktiv. Ab 1922 war sie als erste weibliche Botschafterin und erste Frau, die eine derart hochrangige Position erklomm, als Diplomatin in Norwegen tätig.

 

Biografie und politisches Wirken

Alexandra Kollontai wurde am 31. März 1872 in eine privilegierte russische Familie geboren. Als Tochter einer wohlhabenden Familie genießt sie eine gute Ausbildung, wird von Privatlehrer*innen unterrichtet und lernt mehrere Sprachen, darunter Deutsch und Finnisch. Durch ihre Hauslehrerin wurde sie bereits in jungen Jahren auf soziale Unterschiede aufmerksam gemacht und für soziale Ungerechtigkeiten sensibilisiert. Früh entwickelte Alexandra einen eigenen Kopf. Den Wunsch ihrer Eltern, eine „gute Ehe“ einzugehen, also aus finanziellen Gründen zu heiraten, lehnt sie ab und heiratet 1893 aus Liebe ihren Cousin, den sozial niedrigerstehenden Ingenieurstudenten Wladimir Kollontai und bekommt mit ihm einen Sohn. Den Namen Kollontai wird sie ihr restliches Leben beibehalten. Doch die Liebe hielt nur ein paar Jahre: „Das ‚glückliche Dasein‘ einer Hausfrau und Gattin wurde mir zum ‚Käfig‘“, schilderte Alexandra Kollontai rückblickend.

Als politisches Schlüsselerlebnis gilt die Besichtigung einer Textilfabrik mit ihrem Ehemann. Dieser wurde beauftragt ein Belüftungssystem zu installieren, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern und so Atemwegserkrankungen vorzubeugen. Alexandra ist vom Elend der Arbeiter*innen schockiert und beginnt sich vertiefend mit sozialistischen Theorien zu beschäftigen.

1898 lässt sie sich von ihrem Ehemann scheiden und beschließt in Zürich Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Zu diesem Zeitpunkt dürfen Frauen noch nicht in Russland, jedoch in der Schweiz studieren. Hier beginnt sie politisch aktiv zu werden und schließt sich zunächst den Menschewiken an. Alexandra schreibt Texte und Flugblätter für die sozialistische Bewegung und setzt sich intensiv mit der Situation der Frau auseinander. 1899 kehrt sie nach Russland zurück und stürzt sich in politische Praxis. Gleichzeitig ist sie publizistisch aktiv. Schwerpunkt ihrer frühen wissenschaftlichen und publizistischen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft waren die sozialökonomische Entwicklung, die soziale Lage der Arbeiter sowie die Entwicklungsbedingungen der sozialistischen Arbeiterbewegung in Finnland.

Während der ersten russischen Revolution 1905 beteiligte sie sich aktiv an Demonstrationen und trat vor allem als Rednerin und Agitatorin in Erscheinung. Insbesondere setzt sie sich für die Organisierung und Unterstützung von Arbeiterinnen ein. In diesen Tagen lernte sie außerdem Lenin und dessen Frau, Nadeshda K. Krupskaja kennen.

Mit der Zeit verknüpfte Sie die Frage nach sozialer Gerechtigkeit immer mehr mit der Frage nach der Geschlechtergerechtigkeit. In ihrer praktisch-politischen Arbeit rückten zunehmend Probleme der werktätigen Frauen, ihrer politischen Gleichberechtigung, die Unzulänglichkeiten der bürgerlichen Frauenbewegung, aber auch die Defizite der Frauenproblematik in der Politik der russischen Sozialdemokratie in den Blickpunkt. Zu der Zeit nach 1905 schrieb sie: „Zu jener Zeit fiel mir zum ersten Mal auf, wie wenig sich unsere Partei mit dem Schicksal der Frauen der Arbeitsklasse beschäftigte und wie gering ihr Interesse an der Befreiung der Frau war.“

1907 nimmt sie als russische Delegierte für die „erste internationale Konferenz sozialistischer Frauen“ unter der Leitung von Clara Zetkin teil und unterstützt diese mit ihren Beiträgen über das allgemeine Wahlrecht.

Für den ersten gesamtrussischen Frauenkongress 1908 bereitete sie die Teilnahme und das erstmalige Auftreten einer Gruppe sozialdemokratischer Arbeiterinnen vor. In diesem Zuge erarbeitete sie ihr Buch über die „Frauenfrage“, welches Anfang 1909 noch in Russland erschien. Durch ihr politisches Engagement droht ihr Verfolgung und Haft, weshalb sie sich ab 1908 ins politische Exil nach Deutschland absetzte. Dadurch konnte sie selbst nicht mehr am Kongress teilnehmen, ihre Positionen wurden dennoch von den sozialdemokratischen Arbeiterinnen vorgetragen.

In Deutschland pflegt sie enge politische Freund*innenschaften unter anderem mit Clara Zetkin, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. In den nahezu zehn Exiljahren wirkte sie weiterhin, vor allem publizistisch und als Agitatorin. Zudem war sie seit dem Beginn ihres Exils 1908 Mitglied der deutschen sozialdemokratischen Partei, publizierte in verschiedenen sozialpolitischen Journalen und beteiligte sich an Wahlkämpfen für die SPD. 1911 verlegte sie ihren Wohnsitz von Deutschland nach Frankreich, wurde dort ebenfalls Mitglied der sozialistischen Partei und organisierte unteranderem in Südfrankreich einen Streik von Wäscherinnen.

Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland wurde sie mit Kriegsbeginn 1914 nach Dänemark transferiert. Aus diesem Grund erschien die 1914 fertiggestellte Fortsetzung zu der „Frauenfrage“, ihr Werk über „Gesellschaft und Mutterschaft“ erst 1916. Das Werk beinhaltet unter anderem umfassende Begründungen für die Notwendigkeit eines staatlichen Mutterschutzes, sowie eine international vergleichende sozialpolitische Analyse des staatlichen Mutterschutzes in 15 Staaten.

Von ihren wechselnden Wohnsitzen in den skandinavischen Ländern führte sie ihren publizistischen sowie politisch-organisatorischen Kampf gegen die Auswirkungen des I. Weltkriegs. Zwischen 1915 und 1917 reiste sie auf Bitten Lenins zu zwei mehrwöchigen Vortrags- und Agitationsreisen in die USA und nach Kanada. Während ihrer Vortragsreise 1917 fand die russische Februarrevolution statt. Kollontai kehrte unmittelbar über Finnland nach St. Petersburg zurück, wirkte aktiv als Agitatorin, Organisatorin sowie Publizistin und wurde in mehrere Sowjets, Parteikomitees und Frauenkommissionen gewählt. Unter der provisorischen Regierung von Kerenski wurde sie zeitweise verhaftet.

Bereits am 7.Novemeber 1917, nach der Oktoberrevolution, wurde sie von Lenin mit der künftigen Leitung des Ministeriums für soziale Fürsorge beauftragt. Als Mitglied des Koalitionskabinetts Lenins nach der Oktoberrevolution trug sie politische Mitverantwortung für die unverzügliche nationale Unabhängigkeit Finnlands von Russland. Bereits 1918 trat sie aus Protest gegen den Brest-Litowsk-Friedensbeschluss mit Deutschland aus dem Kabinett zurück. Im selben Jahr heiratete sie auf der Krim Pavel Dybenko, der von 1917 bis 1918 als Volkskommissar für Militär- und Marineangelegenheiten tätig war.

1920 wurde sie zur Leiterin der Frauenabteilung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Russlands [KPR (B)] (RKP(b)) und stellvertretende Leiterin des Frauen-Sekretariats der Komintern. In ihrer Zeit als erste weibliche Ministerin des ersten Koalitionskabinetts Lenins und als Leiterin der Frauenabteilung des ZK der KPR (B) verzeichnete Alexandra Kollontai große Erfolge: Sie führte die zivile Eheschließung, das Scheidungsrecht sowie den staatlichen Mutterschutz ein und legalisierte Schwangerschaftsabbrüche. Zudem erwirkte sie eine Arbeitspflicht für Frauen, da die ökonomische Unabhängigkeit in ihren Augen ein unerlässlicher Bestandteil der Frauenbefreiung darstellte. Die meisten ihrer Errungenschaften wurden 1936 mit der neuen sowjetischen Verfassung rückgängig gemacht.

In den Jahren 1921/ 1922 wirkt sie als Repräsentantin der „Arbeiteropposition“ auf dem X. Parteitag der KPR(B), dem III. Komintern-Kongress 1921 und dem XI. Parteitag der KPR (B).

Das von ihr formulierte und auf dem X. Parteitag eigereichte „Manifest der Arbeiteropposition“ war eine Zusammenfassung der zunehmenden Kritik, aus vor allem gewerkschaftlichen Parteikreisen, gegen die zunehmende Parteibürokratie sowie gegen die Zurückdrängung der Gewerkschafts- und Produktionskomitees. Weiterhin wurde die Leitung der Wirtschaft durch die Gewerkschaften und Arbeiterselbstverwaltungen gefordert. Kurzum übten Kollontai und ihre Genoss*innen Kritik an der zunehmenden Zentralisierung der UdSSR. Als Folge verlor sie ihre politischen sowie öffentlichen Funktionen und wurde fast aus der Partei ausgeschlossen.

Von 1922 bis 1945 war A. Kollontai als Diplomatin tätig und somit als erste Frau offizielle Botschafterin in der Geschichte.

Anzumerken ist, dass sie ab 1922 auf öffentliche Meinungsäußerungen und Kritik zu den Entwicklungen des Sozialismus in der Sowjetunion verzichtete, soweit es nicht der Generallinie des seit 1922 von J.W. Stalin geführten Zentralkomitees entsprach. Auch z den Säuberungen und dem sogenannten „Großen Terror“ seit 1937 schweig sie. Sogar als ihr ehemaliger Ehemann Pawel Dybenko als Trotzkist verhaftet und erschossen wurde. Private Tagebucheinträge lassen teilweise auf eine kritische Haltung schließen, letztlich kann nicht vollständig geklärt werden, ob sie aus Selbstschutz oder Zustimmung schwieg.

In ihrer Zeit als Diplomatin war sie unteranderem als sowjetische Botschafterin in Schweden 1939/40 und 1944 an der Beendigung der sowjetisch-finnischen Kriege beteiligt. Dafür wurde sie 1946 und 1947 von der finnischen Regierung, mit Unterstützung der sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien Schwedens und Norwegens, für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs legte Alexandra Kollontai ihre Ämter nieder. Sie lebte bis zu ihrem Tod am 09.März 1952 in Moskau. 1966 benannte die Astronomin Ljudmila Tschernych einen Asteroiden nach Alexandra Kollontai.

 

Werke und Positionen

Die politischen Positionen und Haltungen von Kollontai basieren auf einem tiefverwurzeltem menschlichen Gerechtigkeitsempfinden, gemeinschaftliche Solidarität und einem demokratischen Miteinander. Auf dieser Grundlage fußt ihr Verständnis von Sozialismus und die unmittelbare sozialistische Aufklärungs- und Organisationsarbeit vor Ort zeichnet ihr politische Tätigkeit bis zum Beginn ihrer Funktion als Diplomatin 1922 aus.

Feministische Fragen gehörten zu den grundlegenden Aspekten ihres praktischen und theoretischen Wirkens. So forderte sie über dem traditionellen marxistischen Verständnis zur Einbeziehung der Frau in den gesellschaftlichen Produktionsprozess hinaus, die politische Gleichstellung der Frau, sowie die vollwertige Einbeziehung in das gesellschaftspolitische Leben.

Zu ihren bedeutendsten Werken gehört das 1909 erschienenes Buch über die Frauenfrage In diesem analysiert sie den Kampf für die ökonomische Unabhängigkeit der Frauen, die Ehe und Familienproblematik, den Schwangeren und Neugeborenen-Schutz und den Kampf der Frauen um ihre politischen Rechte.

Die Fortsetzung ist das 1916 erschienene Werk über „Gesellschaft und Mutterschutz“ Im ersten Teil des Werkes werden die Notwendigkeit eines staatlichen Mutterschutzes begründet, der Einfluss der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse auf die Kindersterblichkeit dargestellt, der gesetzliche Schutz der Mutterschaft sowie verschiedene Typen und Formen des Mutterschutzes analysiert. Im zweiten Teil findet eine vergleichende internationale Analyse über den staatlichen Mutterschutz in 15 Staaten (Deutschland, England, Frankreich, Italien, Schweiz, Österreich, Ungarn, Luxemburg, Norwegen, Bosnien-Herzogowina, Serbien, Rumänien, Australien, Finnland und Russland) statt.

1918 entwickelte sie in „Die neue Moral und die Arbeiterklasse“ ergänzend zu dem traditionell marxistischen Ansatz, über die Einbeziehung der Frauen in den gesellschaftlichen Produktionsprozess, ihre Forderung nach juristischer und politischer Gleichstellung sowie ihre Einbeziehung auch in das gesellschaftspolitische Leben. Sie formuliert Problemstellungen und Entwürfe für eine neue sozialistische Gesellschaft. In dieser soll den Frauen ein tatsächlich befreites Leben e Gleichstellung und eigne Persönlichkeitsentwicklung ermöglicht werden. Das Alltagsleben der Frauen solle so gestaltet werden, dass sich die Frauen tatsächlich aus den patriarchalischen Strukturen des Berufslebens, der Partnerschaft, der Familienbeziehungen und auch des politischen Lebens emanzipieren können.

Weitere bedeutende Aspekte ihrer theoretischen Arbeiten, welche sie später als Ministerin teilweise umsetzen konnte, waren die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, die Lockerung des Eherechts und das Recht auf Scheidung.

 

Gesellschaft, Liebe und Sexualität

Kollontai schreibt sowohl theoretisch als auch in Kurzgeschichten über Liebe und geht selbstbewusst mit ihrer Sexualität um. So ist der Titel ihrer 1926 erschienenen Autobiografie: ist „Autobiografie einer sexuell emanzipierten Kommunistin“. In ihren Schriften analysiert Kollontai nach materialistischen Grundsätzen die veränderlichen Formen von Gesellschaft, Liebe und Sexualität. Jede geschichtliche Epoche in der gesellschaftlichen Entwicklung verfüge über bestimmte Moralvorstellungen, die dazu beitragen, die gegenwärtigen Produktionsverhältnissen zu stützen.

Im Kapitalismus stellen die bürgerliche Ehe und Kleinfamilie die kleinste gesellschaftliche Versorgungseinheit und damit das Fundament der kapitalistischen Produktionsweise dar. Diese beruht einerseits auf unbezahlter, durch Frauen ausgeführte, Reproduktions- und Sorgearbeit und andererseits auf ihrer ökonomischen Abhängigkeit. Eine strikte bürgerliche Sexualmoral erhält diesen Zustand der Ausbeutung von Frauen sowie bürgerlichen Eigentumsverhältnissen und dessen (oft patriarchal geprägte) Vererbung aufrecht.

Wesentlicher Aspekt Kollontais Theorien über Liebe, Sexualität und Familienplanung ist das Ziel zwischenmenschliche Beziehungen von materiellen Zwängen zu befreien:

 

In Kollontais Augen müsse anstelle der bürgerlichen Kleinfamilie das Kollektiv treten. So setzte sie sich beispielsweise für eine umfassende staatliche Kinder-, Alten- und Krankenversorgung ein und stellte verschiedene Aspekte der Elternschaft in Frage.

So führen bürgerliche Eigentumsverhältnisse zu Beziehungen, die auf Ausbeutung und ökonomischer Abhängigkeiten beruhen. Dagegen schaffen sozialistische, nicht auf Gewinn und Ausbeutung anderer ausgerichteter Produktionsverhältnisse, die Möglichkeit von zwanglosen, unabhängigen und auf Gefühlen basierende Beziehungen.

Weiterhin schaffen sozialistische, nicht auf Gewinn und Ausbeutung anderer basierende Produktionsverhältnisse  die Möglichkeit von Beziehungen, die nicht auf Ausbeutung und ökonomischer Abhängigkeit beruhen. Dieser Logik folgend, verliert die rigide Sexualmoral beruhend auf der Keuschheit der Frau ihre Funktion: Wenn es kein privates Eigentum gibt, kann diese auch nicht vererbt werden! Wenn der Zweck einer Paarbeziehung nicht der Erhalt eines ökonomischen Status ist, kann an diese Stelle Liebe, Zuneigung und Lust treten. Daraus folgt, eine Beziehung kann und darf enden, wenn sie keine positiven Gefühle in den beteiligten Partner*innen mehr auslöst. Niemand ist durch ökonomische oder moralische Vorgaben gezwungen in einem unglücklichen Partner*innenschaft zu leben.

Kollontai entwirft in ihrem Werk Grundlagen einer sozialistischen Sexualmoral. Die ökonomische Gleichstellung zwischen Männern und Frauen, sowie der gemeinsame Kampf für die Revolution verändere die gesellschaftliche Vorstellung der Rolle der Frau. Sie wird nicht mehr in der patriarchalen Familie unterdrückt oder für gelebte Sexualität geächtet, sondern kann unabhängig ihre Persönlichkeit entfalten. Auch wenn Bedürfnisse, wie körperliche Nähe und Zuneigung von Kollontai teilweise von ihr mit Grundbedürfnissen wie Essen und Trinken verglichen wird, findet sich in ihren Texten nicht nur sozialistischer Pragmatismus, sondern auch eine gewisse Feingeistigkeit und Sensibilität. In „Ein Weg dem geflügelten Eros“ widmet sie sich verschiedensten Beziehungsformen, räumt sexuellen Beziehungen ohne romantische Gefühle ihre Daseinsberechtigung ein, betont aber auch die Bedeutung von Liebe als mögliche Grundlage einer Beziehung ein.

 

Die romantische Paarbeziehung verliert an Bedeutung und moralisches Handeln (auch im Sinne einer Sexualmoral) misst sich an den Auswirkungen des Handelns für die Gemeinschaft. So plädiert sie beispielsweise für die Achtung von hygienischen Vorkehrungen – in einer Zeit ohne freien Zugang zu einer Vielzahl an Medikamenten oder Verhütungsmitteln – eine hohe Priorität. Auch spricht sie sich gegen den Rückzug in die Zweisamkeit aus, vielmehr können und oder sollen die Liebenden zwar Kraft und revolutionäre Energie aus ihrer Beziehung schöpfen, in einer sozialistischen Gesellschaft soll jedoch die allgemeine Verbundenheit und Genossenschaftlichkeit an erster Stelle kommen.

Ihr Konzept der proletarischen Moral und genossenschaftlichen Liebe basiert auf gleichberechtigter Partner*innenschaft beruhend auf Solidarität. Im Fokus stehe nicht die romantische Zweierbeziehung als gesellschaftliche Grundlage, sondern kollektive Verbundenheit. Je stärker die Bindung zwischen den Mitgliedern des Kollektivs als Ganzes sei, desto weniger bedeutend sind eheliche Beziehungen und die staatliche sowie gesellschaftliche Motivation diese zu schützen und zu erhalten. Die drei Grundprinzipien der proletarischen Moral umfassen also die Gleichheit in den Beziehungen, die beiderseitige Anerkennung der Rechte des anderen und die genossenschaftliche Sensibilität.

 

Kritik an Kollontai

Trotz der, insbesondere im zeitlichen Kotext betrachteten progressiven Einstellung Kollontais, sind aus der heutigen Perspektive nicht alle ihre Forderungen und Positionen unkritisch zu betrachten. So galt sie ab 1923 öffentlich als Unterstützerin Stalins ohne offenkundig Kritik zu äußern. Auch zu den stalinistischen Säuberungen schwieg sie, sogar als ihr ehemaliger Ehemann P. Dybenko als Trotzkist verhaftet und erschossen wurde. Private Tagebucheinträge lassen teilweise auf eine kritische Haltung schließen, sodass nicht zweifelsfrei belegt werden kann, ob sie aus Selbstschutz oder Zustimmung schwieg.

Bezüglich ihrer feministischen Politik ist hinzuzufügen, dass für sie zwar einerseits die Gleichstellung von Frauen und Männern in allen Bereichen forderte, jedoch gleichzeitig das Gebären von Kindern auch als Pflicht von Frauen betrachtete. Zudem sprach sie sich dafür aus, dass es Menschen mit Erbkrankheiten verboten sein sollte sich fortzupflanzen.

Kollontais Blick ist in ihren Theorien natürlich heteronormativ geprägt, Prinzipien der genossenschaftlichen Liebe lassen sich jedoch ebenfalls auf queere Beziehungen ausweiten.

 

Schlussworte

Bei einer Betrachtung ihres Lebens, ihres Werdegangs und ihrer Werke wird deutlich, warum sie über sich selbst sagte: „Ich habe nicht ein, sondern viele Leben gelebt“.

Doch wie Kollontai selbst 1938 in einem Brief an eine Freundin schrieb: „Der Eindruck, den man von einem Menschen hat, wird immer unvollkommen sein und ihn nicht wirklich widerspiegeln. Das ist besonders dann der Fall, wenn Jahre ins Land gegangen sind, wenn sich Legenden um ihn gebildet haben und Geschichten über ihn erzählt werden. Alle Seiten seines Charakters werden – in Abhängigkeit von den Umständen – entweder überhöht oder untertrieben. Ich habe viel darüber nachgedacht. Ich hatte immer den Wunsch, als die zu gelten, die ich tatsächlich bin, und geschätzt zu werden für das, was ich wirklich geleistet habe. Das ist natürlich schwer, weil jeder Mensch den anderen aus seinem subjektiven Empfinden begreift.« (Volk, 2022)

Demnach ist es insbesondere aus heutiger Perspektive und hundert Jahre später kaum möglich alle Facetten Kollontais zu begreifen und abzubilden. Dennoch können wir sie für ihre geführten feministischen Kämpfe sowie ihre Werke schätzen. Wir können sie dafür schätzen, was sie uns hinterlassen hat und uns daran erinnern, dass ein viele ihrer Ziele, Forderungen und Hoffnungen auch noch heute Bestand haben. Gleichzeitig kann uns die Erinnerung an Alexandra Kollontai dafür Hoffnung geben, wieviel gemeinsam erreicht werden kann.

 

Weiterführende Literatur:

  1. Kollontaj. (1909): Socialnyja Osnowy Schenskogo Woprosa [Soziale Grundlagen der Frauenfrage]. St. Petersburg.
  2. Kollontaj. (1916): Obschtschestwo i Materinstwo. Tom 1: Gosudarstwennoe Strachowanie Materinstwa [Gesellschaft und Mutterschaft. Bd. 1: Die Staatliche Mutterschutz-Versicherung]. St. Petersburg.
  3. Kollontai. (1926): Autobiografie einer sexuell emanzipierten Kommunistin. Berlin-West 1977.

Volk. K. (2022): Alexandra Kollontai oder: Revolution für das Leben. Karl Dietz Verlag Berlin.

 

Podcastempfehlung:

A.K. 47 – Selections from the Works of Alexandra Kollontai, Kristen Ghosee

Quellen:

  1. Steiner. (2004): Alexandra M. Kollontai (1872–1952) über Theorie und Praxis des Sozialismus. Überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags vor der Klasse für Sozial- und Geisteswissenschaften der Leibniz-Sozietät am 21. Dezember 2000. Leibniz-Sozietät/Sitzungsberichte 63, 83–122

o.A. (2008): Aleksandra Kollontai und die Rote Liebe. Talktogether Nr. 23/2008. [https://www.talktogether.at/l/kopie-von-aleksandra-kollontai-und-die-rote-liebe/, abgerufen am 28.01.2024]

o.A. (o.D.). ALEXANDRA KOLLONTAI. Gleichstellung im Blick. ADIUVA Verlag, ein Unternehmensbereich der VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG [https://www.gleichstellung-im-blick.de/personlichkeit-des-monats/alexandra-kollontai/, abgerufen am 29.01.2024]

Volk. K. (2022): Alexandra Kollontai oder: Revolution für das Leben. Karl Dietz Verlag Berlin.

 

 

Machs wie Clara

Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird unterjocht bleiben, solange sie nicht wirtschaftlich unabhängig dasteht. Die unerlässliche Bedingung für diese ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit ist die Arbeit.

Clara Zetkin
Clara Zetkin (1857-1933) gilt bis heute als eine der bedeutendsten Kämpferinnen für die Rechte der Frauen. Als Politikerin, Publizistin und leidenschaftliche Rednerin prägte sie die internationale und nationale proletarische Frauenbewegung.

Biographie und politisches Wirken
1857 wird sie als Clara Eißner im sächsischen Wiederau in eine gutbürgerliche Familie geboren. Um ihren Kindern eine bessere Ausbildung zu ermöglichen, zieht die Familie 1872 nach Leipzig.
Durch die guten Beziehungen der Eltern zu Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt, beides Pionierinnen der frühen bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland, wird Clara der Besuch des von Auguste Schmidt geleiteten Lehrerinnenseminar ermöglicht. Dies stellte zu der damaligen Zeit die einzige standesgemäße Berufsausbildung für bürgerliche Mädchen dar. Durch die Verbindung zu Auguste Schmidt kommt sie erstmals mit der bürgerlichen Frauenbewegung in Berührung.
Zu diesem Zeitpunkt ist Leipzig ein wichtiges Zentrum der Arbeiterbewegung, weshalb Clara auch mit sozialistischen Ideen in Kontakt kommt. So diskutiert sie unter anderem in einem russischen Studentenzirkel über gesellschaftliche Ungleichheiten. Sie lernt dabei Ossip Zetkin kennen, einen russischen Sozialdemokraten. Sie selbst tritt 1878 in die Sozialistische Arbeiter Partei (SAP), ein Vorläufer der späteren Sozialdemokratischen Partei Deutschland (SPD), ein. Zu diesem Zeitpunkt ist die sozialdemokratische Bewegung in ihrem Selbstverständnis revolutionär und sozialistisch aufgestellt. Das gesellschaftliche Leben ist geprägt von Bismarcks Herrschaft und einer ungeheuren Repressionswelle gegen Sozialisten und Sozialistinnen. So verwehrte ihr das 1878 erlassene Sozialistengesetz (blieb bis 1890 bestehen), als Parteimitglied der SAP die Tätigkeit im Schuldienst. Aus diesem Grund arbeitet sie in den folgenden Jahren als Hauslehrerin in Österreich und der Schweiz. Ihr politisches Engagement führt zudem zu einem persönlichen Bruch mit ihrer früheren Mentorin Auguste Schmidt und ihrer Familie.
In der Schweiz trifft sie erneut auf Zetkin. Diesem folgt sie 1882 ins Pariser Exil. Paris galt damals als Zentrum der internationalen sozialistischen Bewegung, wodurch sie dort sowohl mit der französischen als auch der russischen Arbeiter*innenklasse in Kontakt kommt. Zudem treibt sie ihr Selbststudium mit den Werken von Marx und Engels voran. In Paris nimmt Clara Eißner den Namen Zetkins an, wenngleich sie ihn nicht heiratete. In den folgenden Jahren bekommen sie gemeinsam zwei Kinder.
Nach dem Tod von Ossip Zetkin 1889 verstärkte Clara ihre sozialistische Arbeit und knüpfte verschiedene Kontakte zur internationalen Arbeiterbewegung. Zudem beginnt sie sich mit verschiedenen Aspekten der „Frauenfrage“ zu beschäftigen.
Auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationalen 1889 in Paris vertrat Zetkin erstmals vor einer größeren Öffentlichkeit ihre Ansätze zur Frauenfrage. Diese bildeten die Grundlage der Frauenemanzipationstheorie der Partei und trugen wesentlich zur Einbeziehung der Frau in die sozialistische Bewegung bei.
Nach der Aufhebung der Sozialistengesetze kehrt sie 1890 mit ihren zwei Kindern nach Deutschland zurück. 1892 übernahm Zetkin die Leitung der Zeitschrift „Die Gleichheit“, welche sich zu einem bedeutenden publizistischen Instrument der Arbeiterinnenbewegung entwickelte.
Zetkin selbst wurde zur Leitfigur der internationalen proletarischen Frauenbewegung. So wurde sie 1907 auf der, von ihr selbst maßgeblich organisierten, Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz zur Leiterin des neuen Internationalen Frauensekretariats bestimmt. Drei Jahre später initiiert sie auf der Zweiten . Internationalen Frauenkonferenz in Kopenhagen den „Internationalen Frauentag”, welcher 1911 unter dem Motto „Heraus mit dem Frauenwahlrecht!“ erstmals stattfand. Bis heute hat dieser Kampftag für Gleichberechtigung, Demokratie, Frieden und Sozialismus nicht an Bedeutung verloren.
Von 1909 bis 1917 ist Zetkin innerhalb der SPD als Mitglied der Kontrollkommission ein Teil des Parteivorstandes. Dabei zählte sie zu dem revolutionären linken Flügel der Partei. Ihre Kritik an dem reformistischen Standpunkt der Sozialdemokratie ist, dass diese die bürgerliche Gesellschaft von innen reformiere und somit erhalte.
Ihre Forderungen setzte sie immer wieder auch gegen männliche Genossen aus den eigenen Reihen durch. Nach Beginn des Ersten Weltkrieges wiedersetzt sie sich der Mehrheitsentscheidung der Partei zur Bewilligung der Kriegskredite und lehnt die Politik des „Burgfriedens“ entschieden ab.
Im März 1915 beruft sie eine Internationale sozialistische Frauenkonferenz in Bern ein. Nachdem sie Flugblätter mit den Forderungen der Frauenkonferenz zu der Beendigung des Krieges verteilen lässt, wird sie wegen Landesverrat inhaftiert. Aufgrund verschiedener Proteste wird sie nach vier Monaten aus der Haft entlassen.
Die Kriegsfrage vertiefte die Spaltung der damaligen deutschen Sozialdemokratie. Die Gruppe der revolutionären Linken um Liebknecht und Luxemburg gründeten zunächst den Spartakusbund und 1917 dann die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD). Als enge Freundin Rosa Luxemburgs gehörte Zetkin dieser Gruppe an.
In der folgenden Zeit entwickelte sich Zetkin zur führenden kommunistischen Frauenrechtlerin.
1919 gehörte Zetkin zu den ersten Frauen, die als Abgeordnete in deutsche Parlamente einziehen konnten. Am 28.Januar 1919 hielt sie als Mitglied in der Verfassungsgebenden Landesversammlung Württembergs als erste Frau in einem deutschen Parlament eine Rede. Von 1920 bis 1933 gehörte sie dem Deutschen Reichstag an. In all diesen Jahren hat Zetkin eine Vielzahl an Ämtern übernommen, unter anderem leitete sie die Rote Hilfe Deutschland sowie die Internationale Arbeiterhilfe (IAH). Gleichzeitig verbrachte sie regelmäßig kürzere und längere Aufenthalte in der Sowjetunion. Mit Lenin pflegte sie eine enge Freundschaft.
1932, hielt sie im Alter von 75 Jahren auf dem vorletzten demokratischen Reichstag, in dem erstmals die NSDAP die stärkste Partei war, eine Rede. Sie warnt vor den Gefahren des Nationalsozialismus und fordert den Zusammenschluss aller demokratischen Kräfte.
Am 20. Juni 1933 stirbt Clara Zetkin in der Nähe von Moskau.
Positionen und Forderungen
Zetkins politische Arbeit und Theorien sind von der grundlegenden Fragestellung geprägt, wie die Emanzipation der Frau mit der Befreiung des Proletariats von den Zwängen des Kapitalismus verbunden ist.
Dabei grenzt Zetkin sich klar von den Forderungen der damaligen bürgerlichen Frauenbewegung ab. Zwar könne die Lebens- und Arbeitssituation der Arbeiter*innen durch Reformen verbessert werden, um eine langfristige und grundsätzliche Verbesserung zu schaffen, brauche es allerdings den Bruch mit dem Kapitalismus. Für Zetkin ist klar, dass die wahre Befreiung der Frau nur durch und mit der Befreiung des Proletariats einhergehen kann. Den Weg dorthin sieht sie im Aufbau einer revolutionären Bewegung für den Sozialismus. Die Revolution soll die soziale Grundlage für die Entwicklung einer besseren/gerechteren Gesellschaft sein. Hierfür sieht sie die Notwendigkeit einer Revolution.
Als konsequente Antimilitarisin setzte sie sich gegen den Ersten Weltkrieg und später gegen den aufkeimenden Faschismus ein. In diesen Kämpfen vertrat sie die Strategie einer proletarischen Einheitsfront .Am 30. August eröffnete sie als Alterspräsidentin den letzten vor der Machtübernahme der Nazis neugewählten Reichstag, bei welchem Hermann Göring bereits Reichstagspräsident und die Nazis stärkste Fraktion waren. Schwer krank und fast blind äußerte sie die Hoffnung „trotz meiner jetzigen Invalidität das Glück zu erleben, als Alterspräsidentin den ersten Rätekongress Sowjetdeutschlands zu eröffnen“ und plädierte eindringlich für die Einheitsfront gegen den drohenden Faschismus. Diese sollte jedoch ohne programmatische Zugeständnisse an die Bündnispartner auskommen, da dem Faschismus nur der Nährboden entzogen werden könne, wenn der Bevölkerung ein Weg in eine befreite Gesellschaft gezeigt werde, also eine wirkliche Lösung für die Probleme und Krisen der Menschen im bestehenden System.
Für die Revolution sollten Arbeiterinnen und Arbeiter gleichberechtigt kämpfen. Immer wieder plädierte sie auch innerhalb ihrer Partei dafür, die “Frauenfrage” nicht als unwesentlich abzutun, sondern das Bewusstsein zu schaffen, dass der Kampf um die Befreiung der Frau besonderen Einsatz erfordert. Neben der Verkürzung der Arbeitszeit forderte sie gleichen Lohn für gleiche Arbeit, Tarifregelungen, Verbot von gesundheitsschädlichen Produktionsweisen und die Einführung von Mutterschutz und richtet außerdem den Blick auf die Sorge- und Hausarbeit, welche damals wie heute typischerweise von Frauen geleistet wird. Da ihnen durch diese doppelte Ausbeutung die wirtschaftliche Unabhängigkeit erschwert wird, soll sie gerecht aufgeteilt und entlohnt werden. 1844 analysierte sie in die „Heilige Familie“ die Lebensbedingungen zweier Pariser Frauen in den 1840ern. Sie übt darin scharfe Kritik an der Unterdrückung der Frau in der kapitalistischen Gesellschaft.
Ebenso war sie der Meinung, Geschlechterrollen seien sozialisationsbedingt anerzogen, und sprach sich deshalb für gemischten Unterricht und zugängliche Bildung für alle aus.
Weiterhin forderte sie das weibliche Recht auf Selbstbestimmung, das Recht auf Abtreibung sowie die verbesserte staatliche Unterstützung für alleinstehende Mütter.
Maßgeblich prägte sie die Schriften der proletarischen Frauenbewegung. Nicht die „Soziale Reaktion“, sondern die „Soziale Revolution“ erkennt Clara Zetkin als zentrales Ziel im Kampf gegen Kapitalismus und Unterdrückung der Frau an.
Schlusswort
Clara Zetkin dient bis heute als bedeutendes Vorbild für die konsequente Verbindung des Kampfes gegen den Kapitalismus und die doppelte Ausbeutung der Frau. Entschieden stellte sie sich bis zu ihrem Tod gegen Krieg, Faschismus und Nationalismus. Ihr verdanken wir den Internationalen Frauenkampftag und bis heute hat ihr kämpferisches Vermächtnis nicht an Bedeutung verloren

Quellen:
https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/clara-zetkin
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/die-proletarische-frauenbewegung.html
https://www.evg-online.org/geschichte/unterseiten-geschichte/clara-zetkin-friedensaktivistin-und-kaempferin-fuer-die-rechte-der-frauen/

Weiterführende Literatur:
-„Clara Zetkin: Eine Rote Kommunistin“ (Lou Zucker)
-„Das Frauenwahlrecht“ (Clara Zetkin)

Machs wie Rosa

Rosa Luxemburg (1871-1919) war eine Internationalistin, Kriegsgegnerin und marxistische
Theoretikerin, die Ende des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts tatig war. Sie wuchs in einer judischen Familie in Polen auf, studierte und promovierte in Zurich und zog anschließend  nach Deutschland. Dort engagierte sie sich erst in der SPD, später im Spartakusbund und der USPD. Schließlich war sie Mitbegründerin der KPD, kurz bevor sie am 15. Januar 1919 von rechten Freikorps ermordet wurde. Rosa Luxemburg vertrat den linken Flugel innerhalb der Sozialdemokratie und kämpfte stets für eine revolutionäre Perspektive und gegen reformistische Stromungen. Sie war Ökonomin und forschte unter anderem an einer ökonomischen Erklarung fur Imperialismus und dessen Zusammenhang mit dem Kapitalismus. Ihre Ergebnisse veröffentlichte sie in ihrem Werk „Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus.“ Vor und
während des Ersten Weltkriegs setzte sie sich gegen die Bewilligung der Kriegskredite ein und verteidigte ihren klaren antimilitaristischen und internationalistischen Standpunkt.
Ihre theoretischen Ausarbeitungen sind noch heute höchst relevant und ihre praktische Arbeit undStandfestigkeit sind Generationen von Aktivist:innen ein Vorbild.

Biografie und politischer Werdegang

Kindheit und Jugend in Warschau
Rosa Luxemburg wurde am 5. Marz 1871 im russisch besetzten Teil Polens geboren. Ihre Familie war relativ wohlhabend, sodass Rosa und ihre 4 Geschwister eine gute Bildung genießen konnten. Bereits bevor sie die Schule besuchte, musste Rosa eineinhalb Jahre lang Bettruhe wahren. Da ein Huftleiden falsch diagnostiziert und behandelt wurde, hinkte sie fur den Rest ihres Lebens. Wahrend dieser Krankheitszeit brachte sie sich im Alter von 5 Jahren selbstständig lesen und schreiben bei. Später lernte sie mehrere Sprachen, darunter Polnisch, Deutsch und Russisch. Rosa Luxemburg interessierte sich bereits in jungen Jahren fur Botanik und Geologie, womit sie sich auch in ihrem weiteren Leben immer wieder beschaftigte. Auch politisch war sie bereits wahrend ihrer Schulzeit aktiv und befasste sich mit den Texten und Theorien von Karl Marx. Sie trat der sozialistischen Gruppe „Proletariat“ bei. Diese wurde schnell verboten, Luxemburg arbeitete aber weiterhin im Untergrund in der illegalen Gruppe „Zweites Proletariat“. Im Jahr 1888 bestand sie am Zweiten Frauengymnasium in Warschau ihr Abitur als Klassenbeste. Da sie sich allerdings schon früh regierungskritisch außerte, im Untergrund in verbotenen Gruppen politisch arbeitete und daraus weder zuhause noch in der Schule einen Hehl machte, wurde ihr dafur
keine Auszeichnung verliehen, wie es sonst ublich war. Wenige Monate nach ihrem Abschluss deckte die Zarenpolizei ihre Mitgliedschaft in Gruppe „Zweites Proletariat“ auf und Rosa Luxemburg musste fliehen. Uber Polen zog sie in die Schweiz und war dort sicher vor russischer Verfolgung.
Studium in Zurich (1889 – 1897)
Im Oktober 1889 begann Rosa Luxemburg ihr Studium in Zurich. Dort befand sich eine von
wenigen Universitaten an denen Manner und Frauen gemeinsam studieren durften. In ihrem
Studium befasste sie sich mit unterschiedlichsten Themen. Zuerst wandte sie sich der Philosophie, der Botanik, der Mathematik und der Zoologie zu, wechselte aber nach drei Jahren in die Rechtswissenschaften und belegte spater weitere politik- und wirtschaftswissenschaftliche Facher. Im Mai 1897 erlangte Rosa Luxemburg den Doktorgrad mit einer staatswissenschaftlichen Arbeit zum Thema „Die industrielle Entwicklung Polens“.
Aufbau der SDKP (iL)

Bereits im Jahr 1893 war Luxemburg Grundungsmitglied der polnischen Partei Sozialdemokratie des Konigreiches Polen (SDKP). Im gleichen Jahr trat Rosa Luxemburg als deren Vertreterin auf dem Kongress der Zweiten Internationalen auf, wurde jedoch aufgrund ihrer politischen Standpunkte und auf Antrag der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) von der Konferenz ausgeschlossen. Die SDKP vertrat einen klaren internationalistischen Standpunkt und grenzte sich dadurch deutlich von der PPS ab, die einen unabhangigen polnischen Nationalstaat anstrebte. Luxemburg widersprach diesem Ziel entschieden, ihr schwebte eine gemeinsame liberale Verfassung fur das gesamte russische Kaiserreich vor. Sie strebte eine enge Zusammenarbeit mit der russischen Sozialdemokratie an und tat die Idee eines unabhangigen Polens als politische „Fata Morgana“ ab. Für sie war klar, dass eine Befreiung nicht mit Nationalismus verbunden sein kann und sie ruckte die Zusammenarbeit zum Sturz des Zaren in den Vordergrund. Später arbeitete sie auch in ihrer Dissertation die ökonomische Abhangigkeit Polens innerhalb des russischen Kaiserreichs heraus, um eine weitere (nicht-marxistische) Begrundung fur ihre Position aufzuzeigen.
Eintritt in die SPD
Nach ihrer Zeit in Zurich wollte sie nicht zuruck nach Polen, denn dort drohte ihr politische
Verfolgung und Verbannung nach Sibirien. Durch eine Scheinehe mit ihrem Genossen Gustav Lubeck konnte Rosa die preußische Staatsburgerschaft erlangen und zog 1898 nach Deutschland. Dort schloss sie sich der SPD an, wo sie schnell eine fuhrende Rolle in deren linkem Flugel einnehmen konnte. Rosa Luxemburg gewann international immer weiter an Bekanntheit, verteidigtesie doch immer ihren internationalistischen Standpunkt und argumentierte oftmals gegen führende Sozialdemokraten.
„Die Revolution ist das großte, alles andere ist Quark.“
In dieser Zeit entstand eines ihrer bedeutendsten Werke: „Sozialreform oder Revolution?“. In der 1898 und 1898 veroffentlichten Textserie argumentierte sie gegen Eduard Bernstein, verteidigte die Notwendigkeit einer Revolution und verfestigte dabei ihren Standpunkt, dass Reformen außerst wichtig seien – allerdings als Mittel zur sozialen Umwalzung und nicht als alleiniger Zweck. 1905 reiste Rosa Luxemburg gemeinsam mit Leo Jogiches nach Russland, um die dortige Revolution zu unterstützen. Auf dieser Reise traf sie auch Lenin. Ihre Gedanken zu den Geschehnissen der russischen Revolution veroffentlichte sie 1906 in ihrem Werk „Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“. Sie war große Befurworterin der in Russland angewandten Praxis der Massenstreiks und setzte sich dafur ein, dass sie auch von Sozialdemokratischen Parteien in anderen Landern unterstutzt wird, fand allerdings wenig Zuspruch. Sie arbeitete ihren internationalistischen und antimilitaristischen Standpunkt immer weiter aus, warnte schon früh vor einem Krieg und versuchte innerhalb der SPD sowie der gesamten europäischen Arbeiter:innen-Bewegung einen klaren Antikriegskurs zu erreichen. Zwischenzeitlich saß sie für einen offentlichen Auftritt zwei Monate im Gefangnis.
Im Jahre 1913 veroffentlichte Rosa Luxemburg „Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus.“ und fuhrte dort ihre ökonomische Erklärung zum Imperialismus und Kolonialismus aus. Ihr war klar, dass ein Krieg kurz bevorstand und sie agitierte weiterhin dagegen an. Nachdem sie im September 1913 zur Kriegsdienst- und Befehlsverweigerung aufrief, wurde sie zu 14 Monaten Gefangnis verurteilt.
Erster Weltkrieg
Rosa Luxemburg sollte Recht behalten. Leider war es nicht gelungen, die Arbeiter:innenbewegung rechtzeitig gegen den Kriegseintritt zu mobilisieren. Am 4. August 1914 wurde Luxemburg auch von der SPD bitter enttauscht, die im Reichstag einstimmig den Kriegskrediten zustimmte. Als Reaktion darauf grundete sie bereits am folgenden Tag die „Gruppe Internationale“, in der sich Kriegsgegner:innen aus der SPD sammelten und die spater als „Spartakusgruppe“ neugegrundet wurde.
Von 1915 bis 1918 saß Rosa Luxemburg über 3 Jahre lang in verschiedenen Gefängnissen und
verfolgte den Ersten Weltkrieg aus der Gefangenschaft. Dort schrieb sie unter dem Pseudonym Junius den 1916 veröffentlichten Aufsatz „Die Krise der Sozialdemokratie“, in dem sie die Rolle der SPD in der Vorbereitung auf den Krieg kritisierte.
Auch die russische Oktoberrevolution von 1917 musste Rosa Luxemburg aus dem Gefangnis
heraus beobachten und veroffentlichte dazu ihren Aufsatz „Zur russischen Revolution“.
Grundsatzlich freute sie sich uber die Revolution der Bolchewiki unter der Fuhrung Lenins,
verurteilte gleichzeitig allerdings auch deren autoritaren Charakter und warnte vor einer Diktatur der Bolchewiki. Dennoch setzte sie sich weiter fur eine deutsche Revolution ein, legte dabei den Fokus aber mehr auf politische Massenstreiks, Betriebsbesetzungen und andere direkt von den Arbeiter:innen ausgehende Aktionsformen und kritisierte das Konzept einer Avantgardepartei, wie Lenin es verfolgte.
Novemberrevolution, KPD-Grundung und Spartakusaufstand
Am 9. November 1918 wurde Rosa Luxemburg aus dem Gefangnis entlassen. Es war der Tag an dem sowohl Philipp Scheidemann eine deutsche, als auch Karl Liebknecht eine sozialistische Republik ausriefen. Rosa Luxemburg ging zuruck nach Berlin und gab dort gemeinsam mit Karl Liebknecht die Zeitung „Die Rote Fahne“ heraus, um uber die laufenden Aufstande zu informieren. In den folgenden Monaten nahm die Spaltung zwischen Sozialdemokratischen SPD-nahen und sozialistischen Arbeiter:innen weiter zu. Die Spartakusgruppe und weitere linke Gruppen grundeten in der Folge am 1. Januar 1919 die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD). In den folgenden Tagen entwickelten sich Massenstreiks und Aufstande, die auch innerhalb der Spartakusgruppe und der KPD unterschiedlich bewertet wurden. Rosa Luxemburg war der Ansicht, dass die Revolutionsversuche nicht gut genug vorbereitet waren und scheitern wurden, positionierte
sich allerdings nicht offentlich dagegen. Während des sogenannten Spartakusaufstands vom 5. bis 12. Januar 1919 wurden in Berlin mehrere Hundert Revolutionär:innen von Regierungstruppen ermordet. Im Zuge der Niederschlagung wurden auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar von konterrevolutionaren Freikorps ermordet. Fur die Zerschlagung des Spartakus-Aufstands war der SPD Politiker Gustav Noske verantwortlich. Ihm wird auch bis heute vorgeworfen, die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts veranlasst, zumindest aber nicht verhindert zu haben. Die Zerschlagung des Aufstands und die Ermordung der beiden kommunistischen Führungspersonlichkeiten vertieften die Graben in der deutschen Arbeiter:innenbewegung noch weiter.

Was bleibt heute von Rosa Luxemburg?
Rosa Luxemburg war eine beeindruckende Personlichkeit, die noch heute in vielen linken
Stromungen sehr geschatzt wird. Besonders bemerkenswert ist ihr immenses Durchhaltevermogen. Schon früh nahm Rosa Luxemburg eine fuhrende Rolle in linken Stromungen der europaischen Sozialdemokratie ein. Dabei verteidigte sie ihre Standpunkte vehement, auch auf internationalen Kongressen und argumentierte klug gegen vorherrschende Meinungen. Ihre Kritik formulierte sie in Reden und Aufsätzen aus und begründete ihre eigenen Positionen sorgfaltig. Dabei war sie gerade als Frau, Ausländerin und Jüdin vielen Anfeindungen ausgesetzt, ließ sich jedoch nie unterkriegen.
Antimilitarismus
„Die Dividenden steigen, und die Proletarier fallen.“
Was uns ebenfalls bis heute von Rosa Luxemburgs Handeln bleibt, ist ihre klare Haltung gegen Krieg. Bereits vor Ausbruch des ersten Weltkriegs setzte sie sich gegen nationale Bestrebungen undfür eine internationalistische Arbeiter:innenbewegung ein. Im Vorfeld des Krieges hatte sie viele öffentliche Auftritte, bei denen sie versuchte, die Arbeiter:innen fur politischen Streiks und Kriegsdienstverweigerung zu gewinnen. Auf diese Weise wollte sie einen Kriegseintritt verhindern bzw. später ein frühes Ende des Krieges herbeifuhren.

Wichtige Werke

• Sozialreform oder Revolution? Antwort auf Eduard Bernsteins Artikelserie „Probleme des
Sozialismus“. In diesem Text kritisiert sie die reformistischen Bestrebungen Bernsteins und
spricht sich fur die Notwendigkeit einer Revolution aus, betont allerdings dass Reformen auf
dem Weg dahin ein notwendiges Mittel sein konnen.
• Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zu okonomischen Erklarung des Imperialismus.
Hier stellt Rosa Luxemburg eine eigene Imperialismus-Theorie auf und erklart warum
Imperialismus aus einer okonomischen Perspektive notwendig ist und unmittelbar aus dem
Kapitalismus hervorgeht.
• Massenstreik, Partei und Gewerkschaften
• Junius-Broschure: Die Krise der Sozialdemokratie. Diesen Text schrieb Rosa Luxemburg in
ihrer Zeit im Gefangnis unter dem Pseudonym „Junius“. Dort betrachtet sie das Verhalten
der SPD im Vorfeld auf den ersten Weltkrieg und macht die Sozialdemokratie mit
verantwortlich fur den Ausbruch des Krieges.
• Zur russischen Revolution